Maxie Fischer

Photography, Research, Etcetera,






Jahrelang arbeitete Ana Mendieta (1948–85) mit Erde und anderen natürlichen Materialien, um Rauchskulpturen am Himmel zu erschaffen. Diese Skulpturen, die sich nur für kurze Momente materialisieren, ihre Form ändern und schließlich in Nichts auflösen, geben Einblick in die Bedeutung von Vergänglichkeit und Ritual im Denken der Künstlerin und zeigen ihren Widerstand gegen jegliche Form von Kategorisierung. Die Ausstellung „Covered in Time and History: Die Filme von Ana Mendieta“ macht ihr Filmwerk erstmals in großem Umfang zugänglich. Der Gropius Bau zeigt eine Auswahl von 23 Filmen aus dem vielschichtigen Werk der Künstlerin.

Das OEuvre von Ana Mendieta gehört zu den herausragenden künstlerischen Positionen der 1970er- und 1980er-Jahre. Ihr Werk bewegt sich zwischen Disziplinen wie Body-Art, Land-Art und Performance-Kunst, ohne sich einem bestimmten Medium oder einer Bewegung zu verpflichten. Verbindendes Element ist der immer wiederkehrende Einsatz der abstrahierten weiblichen Gestalt im Dialog mit der sie umgebenden Natur – nicht zuletzt um die Trennung von Natur und Körper infrage zu stellen. Ihr Werk überschreitet viele Grenzen, einschließlich jener geografischer und politischer Räume sowie der Erforschung von Geschichte, Geschlecht und Kultur.

Film und Fotografie spielten für Ana Mendieta eine besondere Rolle. Seit 1973 manifestierte sich ihre künstlerische Praxis in zweierlei Hinsicht: Einerseits existierten ihre Arbeiten als in der Natur geschaffene Werke, die sich allmählich veränderten und verschwanden, andererseits überdauern sie als von ihr konzipierte bewegte und unbewegte Bilder. Ana Mendieta sprach bei ihren frühen Arbeiten von Tableaus, später von Skulpturen, betonte aber stets die Bildherstellung als grundlegenden Prozess ihres Schaffens. Das Film- und Fotomaterial ging dabei über die bloße Dokumentation hinaus und gewann eine eigenständige künstlerische Bedeutung.

Auch wenn Ana Mendietas Arbeiten von ihrer eigenen Biografie und der Entstehungszeit in den 1970er- und 1980er-Jahren geprägt sind, weisen sie eine eigentümliche Aktualität auf. Vor dem Hintergrund gegenwärtiger Migrationsströme stellt ihr Werk eine Auseinandersetzung mit der fortdauernden Suche nach Verwurzelung und dem Gefühl von Zugehörigkeit dar. Ihre Werke zeigen die existenziellen Dilemmata der Moderne: die Erfahrung persönlicher, kultureller und politischer Vertreibung, den Verlust der Verbindung mit und der Kontinuität der individuellen und kollektiven Vergangenheit, den Druck, als Migrantin in einem fremden Land eine neue Sprache erlernen zu müssen und mit einem anderen System gesellschaftlicher Normen konfrontiert zu sein. Ana Mendieta wurde am 18. November 1948 in Havanna, Kuba, geboren. Ihr Vater, einstiger Unterstützer von Fidel Castro, schloss sich, desillusioniert vom Antikatholizismus des neuen Kubas, konterrevolutionären Aktivitäten an. Aus Angst um ihre Sicherheit wurde Ana Mendieta im Alter von zwölf Jahren mit ihrer Schwester von den Eltern ins Exil in die Vereinigten Staaten geschickt. In Iowa wuchs sie in Heimen und Pflegefamilien auf, oft getrennt von ihrer Schwester.

Das Exil scheint sich mit ihrem künstlerischen Schaffen in einer vornehmlich weißen und männlich dominierten Kunstwelt fortzusetzen. Ana Mendieta besuchte das von Hans Breder geleitete Intermedia-Programm der University of Iowa, wobei schon hier ihre Arbeitsweise und die Auseinandersetzung mit dem weiblichen Körper in starkem Kontrast zu dem Verständnis ihrer männlichen Kollegen hinsichtlich der Mittel und Möglichkeiten von Konzeptkunst stand. Ihre frühen Arbeiten „Sweating Blood“ (1973) und „Moffitt Building Piece“ (1974) zeigen den für Mendieta charakteristischen Gebrauch von Blut als Material, das sowohl Bilder von Traumata und Transformation heraufbeschwören als auch auf spirituelle Ekstase und physische Brutalität hinweisen kann. Während Ana Mendieta zu diesem Zeitpunkt noch oft den eigenen Körper inszenierte, wurde ihre Formensprache später zunehmend abstrakt und entwickelte sich von den nachempfunden Körperumrissen als Chiffre hin zur weiblichen Gestalt an sich.

In den 1970er-Jahren reiste Ana Mendieta fast jeden Sommer nach Mexiko, wo viele ihrer bedeutendsten Werke entstanden. In den Filmen „Creek“, „Silueta del Laberinto (Laberinth Blood Imprint)“ und „Burial Pyramid“ aus dem Jahr 1974 etablierte sie ihre außergewöhnliche Earth-Earth-Body-Ästhetik, die das fortdauernde Bestreben beschreibt, sich in die umgebende Natur zu vertiefen und mit der Erde zu verbinden. Spuren des weiblichen Körpers, in Form von Silhouetten in der Natur, wurden zum festen Bestandteil ihres künstlerischen Schaffens und versinnbildlichten ihre Zweifel an einer klar konturierten Identität. Für „Esculturas Rupestres (Rupestrian Sculpture)“ kehrte Ana Mendieta 1981 erstmals nach Kuba zurück und verband mit ihren in Kalksteinwände gemeißelten Silhouetten die Mythen über die Jaruco-Höhlen aus frühesten Zeiten mit der Gegenwart. Auch „Óchun“, benannt nach einer Santería-Göttin, zeigt eine gen Kuba gerichtete, abstrahierte weibliche Gestalt am Strand der Insel Key Biscayne, Florida. Das Wasser, das diese „Silueta“ umspült, berührte die Küsten beider Länder und wirkt wie eine Allegorie auf Exil und Rückkehr in dieser letzten realisierten Arbeit ihres insgesamt 104 Filme umfassenden Werks.

Ana Mendieta arbeitete zu einer Zeit historischer multidisziplinärer Verschiebungen in der Kunstpraxis. Ihr Zurückweisen von Ausstellungskonventionen und die Überzeugung, ihre Werke in Landschaften schaffen zu müssen, verlangsamte die Rezeption ihres OEuvres zu Lebzeiten erheblich. In ihrer kurzen Schaffensphase erarbeitete sie ein außergewöhnliches Werk, das erst Jahre später gebührende Beachtung fand. Ana Mendietas fortdauernde Auseinandersetzung mit dem Element der Zeit und den Themenkomplexen Vergangenheit und Vergänglichkeit tritt am deutlichsten in ihren 8mm-Filmen zutage, die gleichermaßen Fragen hinsichtlich Performance, Skulptur, Film und Fotografie aufwerfen und neue Verständnisweisen davon anregen. Die bisher umfangreichste Präsentation ihrer Filme, begleitet von drei fotografischen Serien, ist das Ergebnis einer dreijährigen gemeinsamen Forschungsarbeit der Estate of Ana Mendieta Collection und der University of Minnesota, in deren Rahmen das gesamte filmische Werk der Künstlerin digitalisiert und in einer Filmografie erfasst wurde.


Text: Clare Molloy, Maxie Fischer
Erschien in: Museumsjournal 2/2018