1955 wurde Bertolt Brechts „Kriegsfibel“ erstmals in der DDR veröffentlicht. 1996 erschien Michael Schmidts Künstlerbuch „Ein-heit“ im wiedervereinten Deutschland. Beide Publikationen setzen sich mit der deutschen Geschichte, insbesondere des Zweiten Weltkrieges, auseinander und untersuchen anhand von Medienbildern die Aussagekraft von Fotografie. Prof. Dr. Erdmut Wizisla und Maxie Fischer haben im August 2020 ein Gespräch über die Bücher und die wissenschaftliche Arbeit mit Archivmaterial geführt.

Maxie Fischer: Die Idee unseres Gesprächs ist, ein Buch mit einem anderen Buch zu lesen, sie also miteinander interagieren zu lassen, um neue Einblicke zu gewinnen und das Eine mit Hilfe des Anderen zu verstehen. Als ich anfing, mich näher mit Brechts „Kriegsfibel“ auseinanderzusetzen, war ich erstaunt, dass die „Kriegsfibel“ als Stiefkind der Forschung bezeichnet wurde. Im Vergleich zur Auseinandersetzung mit Schmidt oder fotografischen Publikationen im Allgemeinen, erschien mir die „Kriegsfibel“ zumindest immer wieder Thema der wissenschaftlichen Diskussion zu sein. Anhand der Jahreszahlen der jeweiligen Publikationen ist jedoch ersichtlich, dass sich die Forschung erst in den letzten Jahren der „Kriegsfibel“ zuwandte. Was glauben Sie, woran das liegt?

Erdmut Wizisla: In den letzten 20 Jahren ist besonders viel zur „Kriegsfibel“ publiziert worden: Ich denke an Arbeiten von Georges Didi-Huberman, Tom Kuhn, Saskia Fischer, Kristopher Imbrigotta, Grischa Meyer oder an die faszinierende künstlerische Reaktion auf das Buch von Adam Broomberg & Oliver Chanarin: „War Primer 2“. Natürlich gibt es etwa zur „Dreigroschenoper“ sehr viel mehr Artikel, Aufsätze und Bücher, sie gehen in die Hunderte. Verglichen damit, ist die „Kriegsfibel“ nicht so beleuchtet. Das gegenwärtige Interesse an der „Kriegsfibel“ ist meiner Meinung nach verbunden mit einer allgemeinen Zuwendung zum Bild. Im Brecht-Archiv ist das Material in den ersten Jahrzehnten vor allem über Inhalte begriffen worden, eine aus heutiger Sicht einseitige, ja fast paradoxe Perspektive. Fotos wurden auf ihre Bildinformationen hin untersucht. Dass wir in den Sammlungen des Archivs Abzüge haben, die als Objekte zum Teil einen ungeheuren Wert darstellen, ist in den ersten Jahrzehnten der Archivarbeit nicht beachtet worden. Es war eine Pionierzeit, in der es darum ging, die Sachen überhaupt erst einmal zu sichten. Nehmen wir etwa die „Modellbücher“ oder die „Kriegsfibel“, da interessiert heute auch die Materialität. Was liegt da genau vor? Welche Formate und welches Material hat man verwendet? Was ist das für ein Karton, mit dem Brecht gearbeitet hat?


Maxie Fischer: Das ist ein sehr interessanter Punkt, da künstlerische Arbeiten wie „Ein-heit“ von Schmidt, „Zeitungsfotos“ von Thomas Ruff und „Die Toten“ von Hans-Peter Feldmann in eben dieser Zeit des Iconic bzw. Pictural Turn entstanden sind. Es scheint mir kein Zufall zu sein, dass die erneute Auseinandersetzung mit Bildmaterial aus Medienkontexten in den 1990er Jahren mit genau dieser Hinwendung zum Bild in der Wissenschaft zusammenfällt. Brechts „Kriegsfibel“ könnte durchaus als ein historischer Vorläufer betrachtet werden. Auch er beschäftigt sich mit professionellen, für die massenmediale Verbreitung hergestellten Bilder, die in den Medien und Publikationen jener Zeit als Information und Propaganda gleichermaßen zirkulierten. In einigen von Brechts 69 Bild-Text-Montagen wird der Publikationskontext bewusst lesbar gehalten und wir können den Namen des Fotografen, der Bildagentur, der Zeitung oder Zeitschrift sowie die Bildunterschrift und weitere paratextuelle Elemente erkennen. Schmidt hingegen findet einen anderen Umgang mit den fotografischen Bilddokumenten, indem er genau diese Informationen verwehrt. Etwa ein Drittel der 161 Fotografien in der Werkgruppe „Ein-heit“ sind bereits veröffentlichte Bilder, die Schmidt mit eigenen Aufnahmen kombiniert. Durch den Mangel an Informationen im einzelnen Bild wird die eindeutige Zuordnung von Zeit und Ort erschwert. Wo sonst eine Bildunterschrift Bedeutung stiftet, verweigert Ein-heit jegliche textuelle Interpretation und wirft uns allein auf das Sichtbare zurück. Weiterlesen


Erdmut Wizisla, Literaturwissenschaftler, Leiter des Bertolt-Brecht-Archivs und des Walter Benjamin Archivs, Publikationen u. a. zu Benjamin, Brecht, Hannah Arendt, Uwe Johnson, Mitarbeit an der Benjamin-Ausgabe „Werke und Nachlaß“.

Maxie Fischer, Kulturwissenschaftlerin, laufende Promotion an der Folkwang Universität der Künste zu Werk und Werdegang von Michael Schmidt. Sie war an Ausstellungsprojekten wie der documenta 14, Bergen Assembly und Berlin Documentary Forum beteiligt und hat für Institutionen wie den Martin-Gropius-Bau gearbeitet.

Erschien in: Fotogeschichte. Beiträge zur Geschichte und Ästhetik der Fotografie 159/2021